20.1.12 13:43 Uhr von screenz

„Ich habe den Todesengel überlebt“ - Zeitzeugin berichtet - Rezensionen - Artikelarchiv

Die Geschichte der Deutschen prägt uns bis heute. Eva Mozes Kor als Zeitzeugin verfolgt mit ihrem Buch „Ich habe den Todesengel überlebt“ das Ziel, dass auch folgende Generationen erfahren, was die Opfer des Nationalsozialismus mitgemacht haben – dass sich so etwas nie wieder wiederholt.

„Ich habe den Todesengel überlebt“ widmet Autorin Eva Mozes Kor ihrer Mutter Jaffa und ihrem Vater Alexander, sowie ihren Schwestern Edit und Aliz, sowie der Zwillingsschwester Miriam. Wie man im Laufe der Zeitzeugengeschichte erfährt, ist außer Miriam ihre komplette Familie im Konzentrationslager Auschwitz ums Leben gekommen.

Als ihre Zwillingsschwester Miriam und Eva zehn Jahre alt sind, leben sie in Ungarn im Ort Portz. Ihre Familie ist jüdisch.Es ist das Jahr 1940. Im Radio ist bereits zu hören, dass jüdische Familien in Deutschland und Polen in Konzentrationslager gebracht werden. Evas Eltern halten das jedoch für Gerüchte, außerdem glauben sie, dass sie in Ungarn außerhalb des Fokus sind. Ideen, ihren idyllischen Hof zu verlassen und nach Amerika oder Palästina auszuwandern, wie es andere jüdische Familien machen, verwerfen sie deshalb. Erste Anzeichen, dass sich die Familie in Gefahr befindet, bemerkt Eva in der Schule, als sie dort mit ihrer Zwillingsschwester als Jüdinnen verspottet werden. Wenig später, mitten in der Nacht, wird die Familie jedoch abgeholt und erst in ein Getto, dann in ein Konzentrationslager gebracht. Dort angekommen werden die neu angereisten in zwei Reihen unterteilt und getrennt. Miriam und Eva kommen in die eine Reihe, der Rest ihrer Familie in die andere Reihe. Deren Mutter und Vater wurden im Getto gesundheitlich stark geschädigt durch die dort herrschenden Umstände. Wie der Leser erfährt, waren die Menschen, in deren Reihe sich die Eltern befunden haben, direkt auf den Weg zur Gaskammer.

Getrennt von den Eltern sind die Zwillinge auf sich allein gestellt und müssen durch das raue Herrschen im Konzentrationslager finden. Kinderleichen in der Latrine, Schüsse, Tote und Angst werden ihr Alltag. Eva Mozes Kor bezeichnet es dabei aus ihrer Sicht als Bonus für die Zwillinge, dass sie eben solche sind, denn Zwillinge werden im Konzentrationslager anders behandelt. Dr. Mengele unternimmt an ihnen Untersuchungen, um herauszufinden, wie man Arier züchten kann. Die Untersuchungen sind so menschenverachtend und unwürdig, dass Miriam 1993 an den Folgen davon stirbt. Ist im KZ allerdings einer der Zwillinge tot, dann ereilt den anderen dasselbe Schicksal. Auch deswegen wissen die Zwillinge, dass sie sich gegenseitig brauchen, um lebend aus dem KZ kommen zu können. Diesen Überlebenskampf beschreibt Mozes Kor in dem Jugendbuch auf eindrucksvolle Art. Das gesamte Erlebte ist in der „Ich“-Perspektive niedergeschrieben und lässt den Leser mit den Charakteren mitfühlen und mitleiden.

Auf den letzten Seiten gibt Mozes Kor einen eindrucksvollen Satz ihrer Rede Jahre später in Auschwitz wieder, welcher die Geschichte im Geiste rekapitulieren lässt und zum Nachdenken anregt. Denn darin verzeiht sie den NS-Leuten das, was sie ihr und ihrer Familie angetan haben, auch diejenigen, die ihr gezielt Leid angetan haben.

„Ich habe den Todesengel überlebt“ ist der Überlebenskampf von zwei lebensbejahenden und extrem mutigen und tapferen Zwillingen in einer an Jugendliche gerichteten Form, die die Einzelschicksale der NS-Opfer gefühlvoll darstellt, verbunden mit dem Appell, dass so etwas nie wieder passieren darf. Heute leben nur noch wenige Zeitzeugen, die die Grausamkeit der NS Zeit selbst erlebt haben. In diesem Buch ist die Geschichte einer betroffenen Familie festgehalten – für die kommenden Generationen.

„Ich habe den Todesengel überlebt – Ein Mengele-Opfer erzählt“ ist erschienen im cbj Verlag und für 6,99 Euro unter der ISBN 978-357040109501 im Buchladen zu bekommen.
TagsNationalsozialismus, KZ, Zeitzeuge