11 Stunden Horror durch Blizzard in New York
Erschienen am 24.12.09 14:19 Uhr in der Kategorie Nachrichten.

Die Geschichte, die Marc Pitzke im Schneechaos am New Yorker Flughafen erlebt hat, ist wie im Film. 11 Stunden lang braucht er dafür, damit er vom JFK-Flughafen nach London-Heathrow kommt.

Der Wetterbericht hat es schon vorhergesagt: Der schlimmste Blizzard seit Jahrzehnten kommt unaufhaltsam auf New York zu. Washington, Philadelphia und Virginia hat das Schneemonster schon überrollt.

In New York wird es vermutlich zwischen 16 und 4 Uhr Morgens am schlimmsten. Doch der Flug von Marc Pitzke, British Airways 176 von JFK nach Heathrow, soll um 19.40 Uhr starten.

Sein Freund Marco, der zur gleichen Zeit mit der Air France nach Paris fliegen wollte, bekam einen Anruf der Airline: Sein Flug wurde annulliert. Er buchte auf Sonntag um. Doch Marc P. bekommt keinen Anruf.

Um sicher zu gehen, ruft er bei British Airways an. Eine britische Stimme vom Tonband weist ihn auf die vermutliche Wartezeit von 98 Minuten hin und spielt dann "beruhigende" Zithermusik ab. Nein, ich habe mich nicht verschrieben. Doch das war erst der Anfang.

Endlich erbarmt sich eine Dame vom Kundendienst und hebt ab. Der Flug soll planmäßig starten. Doch zur Sicherheit will er trotzdem umbuchen. Leider muss ihm die Stimme mitteilen, dass, wenn der Flug nicht annulliert wird, er auf seinen Kosten von 936,78$ sitzen bleiben würde. Und diese Summe schreibt man ja ungern in den Wind.

Als kleines Trostpflaster sagt ihm die Dame, er könne den Flugstatus jederzeit online verfolgen.

Bis zur letzten Minute wartet er, ob der Flug nicht doch noch annulliert wird, doch immer noch steht dort: "Planmäßig". Während es schon angefangen hat, heftig zu schneien, steigt er mit Unmut ins Taxi.

Am Flughafen herrscht wegen vieler ausgefallener Flüge großes Chaos. Wegen dem Schneesturm können die Taxis, welche einmal abgefahren sind, nicht mehr zum Flughafen zurückkehren, um mehr Passagiere zu holen. Marc bittet seinen Fahrer 15 Minuten zu warten. Der Fahrer, der lieber Football kicken würde, ruft wiederwillig seine Frau an und sagt ihr, sie solle die Cannelloni warm stellen.

Am Eincheckschalter wird ihm versichert: "Wir fliegen wirklich." Dann schickt er den Fahrer Heim zu Frau und Football.

Weil er tatsächlich um 19 Uhr in den neuen Flieger steigen kann und der Kapitän den Gästen Freude auf besseres Wetter in London macht, steigt seine Stimmung. Sie docken vom Gate ab.

Nach fünf Metern bleiben sie stehen.

Nach einer Stunde bangen teilt der Pilot mit, dass es einen Stau vor der Enteisungsstation gebe. Vor ihnen sei der Lufthansa-Flug 411 nach München, in dem ein Bekannter von Marc sitzt. Auf seiner Facebook-Seite, die Marc per IPhone mitliest, steht: "Erster Enteisungsversuch gescheitert."

Wieder nach einer Stunde meldet sich der Pilot. Vor ihnen würden nur noch drei Flugzeuge warten. Leider müsse erst der Enteisungstruck nachgetankt werden. Danach würde es nur eine Dreiviertelstunde dauern.

Auf den Tragflächen hat sich schon eine große Eis- und Schneeschicht gebildet.

Nach drei Stunden rollen sie zum Gate zurück - aber aussteigen dürfen sie erstmal nicht. "Wir wissen Ihre Geduld zu schätzen", flötet der Kapitän, mehr Neues hat er nicht mitzuteilen. Die Tragflächen sind durchs Fenster nicht mehr erkennbar.

Eine halbe Stunde später meldet sich der Kapitän, diesmal mit "a little bit of bad news", "ein bisschen schlechten Nachrichten": Der Flug sei mit sofortiger Wirkung gestrichen worden. Leider sei das Bodenpersonal aber schon nach Hause gegangen. Sie dürften erst von Bord, wenn Ersatzleute eingetroffen sind.

Nach starken Wortgefechten stellt der Kapitän mit bösem Ton klar, dass er und seine Crew das Sagen hätten, nicht die Gäste.

Inzwischen hat der Blizzard seinen Höhepunkt erreicht: -30°C bei 70 km/h Wind.

Nach vier Stunden serviert die Crew das Essen. "Beef oder Nudeln?", zwitschert die Flugbegleiterin, gefolgt vom Kollegen mit der Kanne: "Wollen Sie dazu ein bisschen Tee?" Zum Beef gibt's Linsensalat und grüne Bohnen.

Um 22.30 Uhr will er online umbuchen. Die Website allerdings meint: Seine Buchung sei für Änderungen "unavailable", weil er schon eingecheckt sei und die Maschine planmäßig um 19.40 Uhr starten werde.

Nach fünf Stunden dürfen sie aus der Kabine raus.

Überall im Terminal liegen Hunderte gestrandete, erschöpfte Passagiere - am Boden, auf Bänken, in den schmutzigen Ecken des Food Courts, selbst in den Toilettenvorräumen. "Unser Bodenpersonal erwartet Sie an der Gepäckausgabe", sagt die Flugbegleiterin.

An der Gepäckausgabe stapeln sich die Koffer. Vom Bodenpersonal keine Spur. Mit einer Gruppe Mitreisender macht er sich auf die Suche nach jemandem in Uniform. Sie stöbern einen einzigen British-Airways-Mitarbeiter auf. Im oberen Stockwerk, beim Check-in. Der Arme versucht, sich hinter seinem Computer zu verstecken.

Seine mitternächtliche Auskunft ist brutal: Der nächste BA-Flug nach London, der freie Plätze habe, gehe am Mittwoch. Auch die Hotels seien alle voll. "Machen Sie's sich gemütlich", sagt er und weist auf den Marmorboden.

Doch so schnell gibt Marc P. nicht auf. Er bucht auf Mittwoch um und geht rau in die eisige Luft zum Taxi stand. Der Aufseher drückt ihm eine Nummer in die Hand und erklärt, dass etwa alle halbe Stunde ein Taxi abfahren würde. Gerade fuhr Nummer zwei. Er hatte die Nummer 29.

In kleinen Gruppen versuchen sie es bei dem Airtrain, der Hochbahn. Nach einer halben Stunde kommt ein Zug. Glücklich steigen sie ein. Doch die Türen schließen nicht.

Nach einer Viertelstunde werden sie vom Fahrer rausgeschmissen. Dies sei der letzte Zug gewesen und dieser fährt nicht mehr weiter.

Zurück zum Terminal. In der Auffahrt irren versprengte Passagiere ziellos durch den Sturm, wie Ameisen, Koffer im Schlepptau.

Der Fahrer eines "gypsy cabs", eines illegalen Privattaxis, taucht auf, bietet Fahrten nach Manhattan, 150 Dollar pro Kopf. Ein Zweiter verlangt 100 Dollar. Sie finden schließlich einen, der sich für 75 Dollar erbarmt. Fast kommt es zur Schlägerei, als die Rivalen mitkriegen, wie er sie unterbietet.

Das "Taxi" ist ein alter Kleinbus, zwischen den Vordersitzen gluckst ein Benzinkanister, am Rückspiegel baumelt ein Rosenkranz, die Sitzgurte der Hinterbänke sind abmontiert. Der Fahrer schlittert über den vereisten, von Schneewehen umtürmten Long Island Expressway. Am Straßenrand sind zahllose Wagen liegengeblieben. Die Fahrer winken hilflos im Wind. Sie kommen an etlichen Unfällen vorbei. Ihr eigenes Gefährt legt sich mehrfach quer.

Als der Fahrer ihn schließlich vor seinem Haus in Manhattan absetzt, ist es 4 Uhr früh. Flughafen und zurück in elf Stunden.

Zwei Stunden später trifft Lufthansa-Flug 411, der vor ihnen an der JFK-Enteisungsstation gewartet hatte, mit seinem Bekannten in München ein. 248 Minuten Verspätung.


Aber immerhin.


Quelle: Spiegel.de

Daniel Reichler



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Kommentare

georgdostmann schrieb am 25.12.2009 10:30:
Echt krasse Geschichte...ist allerdings auch ganz schön viel Text...hätte man noch etwas mehr zusammenfassen können...
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